Was tun wir konkret, wenn eine Situation plötzlich kippt? Fachwissen ist dabei wichtig. Ebenso wichtig ist, dass Zuständigkeiten und nächste Schritte im Team geklärt sind. Ein aktueller australischer Bericht gibt Anlass, die Vorbereitung in der eigenen Einrichtung zu prüfen.
Was der neue Bericht zeigt
Der australische Bericht State of Mental Health in Education 2026 ist auf der im September 2026 aktualisierten Forschungsseite von Be You verfügbar. Grundlage ist eine Befragung von mehr als 2.000 Beschäftigten aus Schulen und frühpädagogischen Einrichtungen. Die repräsentative Vergleichsgruppe umfasste 816 Personen; weitere 1.388 Befragte berichteten über Kontakt mit dem Programm „Be You“ in den vergangenen zwölf Monaten. Die Onlinebefragung fand vom 18. Februar bis zum 12. März 2026 statt. Die folgenden Prozentwerte beziehen sich auf die nationale Vergleichsgruppe.
Die Ergebnisse zeigen zwei Entwicklungen gleichzeitig:
- 76 Prozent der Befragten trauten sich zu, Anzeichen psychischer Belastungen zu erkennen. 2023 waren es 66 Prozent.
- 80 Prozent fühlten sich in der Lage, Kinder und Jugendliche mit psychischen Belastungen angemessen zu unterstützen. 2023 waren es 72 Prozent.
- Gleichzeitig sank der Anteil der Fachkräfte, die ihre Einrichtung auf kritische Ereignisse ausreichend vorbereitet sahen: von 71 Prozent im Jahr 2024 auf 63 Prozent im Jahr 2026.
In der Befragung beobachtet wurde: In dieser australischen Befragung ist die wahrgenommene Kompetenz im Umgang mit alltäglichen psychischen Belastungen gestiegen. Das Vertrauen in die Vorbereitung der eigenen Einrichtung auf die Unterstützung nach kritischen Ereignissen ist dagegen gesunken. Das sind Selbsteinschätzungen, keine Prüfung tatsächlicher Fähigkeiten. Die Befragungen wurden zudem von unterschiedlichen Forschungsanbietern durchgeführt; aus den Zeitvergleichen allein lässt sich keine Ursache ableiten.
Das lässt sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Schulsysteme, Zuständigkeiten und Unterstützungsangebote unterscheiden sich. Die dahinterliegende Frage ist für Kitas, Schulen und soziale Einrichtungen trotzdem relevant: Reicht Wissen aus, wenn im entscheidenden Moment niemand weiß, wer was tut?
Wissen ist noch keine Handlung
Eine Fortbildung kann Wissen vermitteln. Ein Schutzkonzept kann Abläufe beschreiben. Ein Ordner kann sauber beschriftet im Büro stehen. Entscheidend ist jedoch, ob Menschen in einer belastenden Situation handlungsfähig bleiben.
Das ist die fachliche Ableitung für Viking Coaching: Handlungssicherheit entsteht nicht allein durch Information. Sie entsteht, wenn ein Team eine mögliche Situation gemeinsam wahrnimmt, Entscheidungen erprobt, das eigene Vorgehen reflektiert und daraus einen klaren Transfer in den Alltag entwickelt.
Nehmen wir eine einfache Frage:
Ein Kind erhält während des Vormittags eine Nachricht, die eine akute Krise auslöst. Wer übernimmt das Kind? Wer hält die Gruppe? Wer informiert die Leitung? Wer nimmt Kontakt zu den Sorgeberechtigten oder einer Fachstelle auf?
Wenn mehrere Personen gleichzeitig antworten oder niemand antwortet, ist das kein persönliches Versagen. Es ist eine Information über das System.
Erst wahrnehmen, dann einordnen
Teams springen bei Belastung schnell in Lösungen. Das ist verständlich. Doch bevor eine Maßnahme festgelegt wird, braucht es ein gemeinsames Bild der Situation.
Was wurde tatsächlich beobachtet? Was ist bereits eine Deutung? Welche Information fehlt? Wer erlebt die Lage möglicherweise anders?
Diese Trennung ist wichtig. Ein Satz wie „Das Kind antwortet seit fünf Minuten nicht auf unsere Ansprache“ beschreibt etwas anderes als „Das Kind verweigert sich“. Die erste Formulierung beschreibt eine Beobachtung. Die zweite enthält bereits eine Erklärung.
Wer Beobachtung und Deutung trennt, gewinnt Handlungsspielraum. Das Team muss sich nicht sofort auf eine Wahrheit einigen. Es kann verschiedene Perspektiven nebeneinanderstellen und prüfen, was für den nächsten sicheren Schritt gebraucht wird.
Rollen müssen vor der Krise klar sein
In angespannten Situationen wird Kommunikation meist kürzer. Menschen greifen auf bekannte Muster zurück. Genau deshalb sollten Zuständigkeiten nicht erst dann geklärt werden, wenn etwas passiert.
Hilfreiche Fragen sind:
- Wer trifft im ersten Moment welche Entscheidung?
- Welche Aufgabe darf nicht bei einer einzelnen Person hängen bleiben?
- Wann holen wir externe Unterstützung?
- Welche Informationen werden dokumentiert, und wer übernimmt das?
- Wie sorgen wir nach dem Ereignis auch für die beteiligten Fachkräfte?
Es geht nicht darum, jede Krise vorherzusagen. Das wäre unrealistisch. Es geht darum, einen tragfähigen Rahmen zu schaffen, in dem die nächsten Schritte bekannt sind.
Ein Plan wird erst durch Erprobung brauchbar
Ein Ablauf auf Papier kann schlüssig wirken und in der Praxis trotzdem Lücken haben. Deshalb lohnt es sich, einen echten, aber anonymisierten Fall aus dem eigenen Arbeitsalltag zu nehmen und ihn im Team durchzuspielen.
Wer beginnt zu handeln? Wo stockt der Ablauf? Welche Doppelzuständigkeiten zeigen sich? An welcher Stelle fehlt eine Telefonnummer, ein Raum oder eine Vertretung?
Solche Beobachtungen sind kein Zeichen dafür, dass die Übung gescheitert ist. Sie sind das eigentliche Ergebnis. Das Team sieht, was bisher nur angenommen wurde.
Danach folgt die Reflexion:
- Was ist konkret passiert?
- An welchem Punkt wurde es unklar?
- Welche Entscheidung hat Sicherheit geschaffen?
- Was brauchen wir, damit der Ablauf im Alltag funktioniert?
Erst jetzt wird aus einer Erfahrung eine veränderte Vereinbarung.
Praxisimpuls: Die 15-Minuten-Krisenprobe
Diese Übung ist eine fachliche Ableitung für Viking Coaching. Ihre Wirksamkeit wurde im genannten Bericht nicht untersucht. Sie kann in einer Teamsitzung genutzt werden, um den vorhandenen Notfallplan auf unklare Zuständigkeiten zu prüfen. Sie ersetzt keine fachliche Krisenintervention.
1. Situation wählen – 2 Minuten
Wählt eine realistische Situation aus eurem Arbeitsfeld. Sie sollte fordernd sein, aber niemanden unnötig emotional belasten. Verwendet keine Namen und keine aktuell ungeklärten persönlichen Fälle.
Beispiel: Während des laufenden Betriebs zeigt ein Kind deutliche Anzeichen einer akuten psychischen Krise.
2. Ablauf erproben – 5 Minuten
Spielt die ersten zehn Minuten nach dem Ereignis gedanklich oder mit verteilten Rollen durch. Bleibt konkret: Wer tut was? Welche Information wird gebraucht? Wer hält den übrigen Betrieb aufrecht?
3. Beobachten – 3 Minuten
Sammelt nur, was im Ablauf sichtbar wurde. Noch keine Rechtfertigungen und keine Schuldzuweisungen.
- Wo war eine Rolle klar?
- Wo gab es Leerlauf?
- Wo handelten zwei Personen gleichzeitig?
- Welche Ressource fehlte?
4. Eine Vereinbarung treffen – 3 Minuten
Wählt genau eine Veränderung, die ihr ab morgen umsetzt. Zum Beispiel eine eindeutige Vertretungsregel, eine sichtbare Notfallkontaktliste oder eine feste Person für die Dokumentation.
5. Transfer prüfen – 2 Minuten
Legt einen Termin fest, an dem ihr die Vereinbarung überprüft. Fragt dann: Was hat im Alltag funktioniert? Wo mussten wir nachjustieren?
Der kleine Schritt ist hier wichtiger als der perfekte Plan. Ein Ablauf, der erprobt und angepasst wurde, trägt weiter als eine umfangreiche Regelung, die niemand angewendet hat.
Was bei der Übertragung beachtet werden muss
Der neue Bericht liefert keine fertige deutsche Krisenrichtlinie. Er belegt auch nicht, dass jede Einrichtung schlechter vorbereitet ist. Er zeigt eine wahrgenommene Entwicklung in Australien.
Die fachliche Ableitung für Viking Coaching lautet: Einrichtungen können ihre Handlungsfähigkeit stärken, wenn sie Krisenvorbereitung als Teamprozess behandeln. Dazu gehören klare Rollen, realistische Erprobung, gemeinsame Reflexion und eine überprüfbare Vereinbarung für den Alltag.
Bei Suizidalität, schwerer psychischer Krise, Gewalt, Kindeswohlgefährdung oder traumatischen Ereignissen ersetzt eine Teamübung keine fachliche Krisenintervention. Dann gelten die vorhandenen Schutz-, Melde- und Notfallwege. Externe Fachstellen und zuständige Dienste müssen rechtzeitig einbezogen werden.
Eine Frage für eure nächste Teamsitzung
Wenn morgen eine belastende Situation entsteht: Woran würde man merken, dass ihr nicht nur informiert, sondern als Team vorbereitet seid?
Quellen und fachliche Grundlage
- State of Mental Health in Education 2026 – Bericht, insbesondere Seite 3
- Be You – Methodik, aktualisiert September 2026
Abruf: 2. Oktober 2026. Der Bericht ist eine institutionelle Befragung, keine kontrollierte Interventionsstudie. Ein genauer Veröffentlichungstag ist auf der Forschungsseite nicht ausgewiesen. Die Einordnung und der Praxisimpuls orientieren sich an Daniel Pallaks: Handlungsorientiert Coachen, den Abschnitten zu systemischer Wahrnehmung, Rollenklärung, Reflexion und Transfer.
Weiterarbeiten am eigenen Teamthema
Wenn ihr eure Zusammenarbeit genauer anschauen möchtet, findet ihr hier Informationen zu Supervision und Teamcoaching. Die fachliche Grundlage beschreibt das Buch Handlungsorientiert Coachen.